Veganer werden häufig dafür kritisiert, Tiere zu vermenschlichen. Doch vermenschlichen Veganer Tiere tatsächlich, wenn sie auf deren Gefühle, Bedürfnisse und Interessen hinweisen? Nicht zwangsläufig - hier müssen wir zwischen zwei Dingen unterscheiden: Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht besitzen, und reale Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.
Was bedeutet es, Tiere zu vermenschlichen?
Tiere zu vermenschlichen bedeutet, ihnen Eigenschaften, Gedanken, Gefühle oder Absichten zuzuschreiben, ohne dass es dafür ausreichende Anhaltspunkte gibt. Allerdings ist nicht jede Beschreibung tierischer Empfindungen eine Vermenschlichung. Viele Tiere können nachweislich Emotionen wie Schmerzen oder Angst empfinden und soziale Bindungen eingehen. Diese Tatsache anzuerkennen, bedeutet nicht, Tiere für Menschen zu halten.
Warum vergleichen Veganer Menschen und Tiere?
Menschen sind Tiere! Mensch-Tier-Vergleiche sollen sichtbar machen, wie unterschiedlich wir mit ihnen umgehen und helfen zu hinterfragen, ob es einen ethisch relevanten Unterschied gibt. Entscheidend ist, ob Unterschiede rechtfertigen können, was Menschen Tieren antun, oder ob vergleichbare Interessen allein aufgrund der Spezieszugehörigkeit unterschiedlich gewichtet werden. Man wird bei genauerer Betrachtung nicht DIE EINE entscheidende Eigenschaft finden, die ausnahmslos alle Menschen haben und die kein Tier teilt.
Bei Vergleichen geht es nicht darum, Menschen und Tiere in jeder Hinsicht gleichzusetzen. Menschen unterscheiden sich von anderen Tieren in zahlreichen Eigenschaften. Die zentralen Voraussetzungen für ethische Berücksichtigung haben wir jedoch gemeinsam: Empfindungsfähigkeit und eigene Interessen, etwa das Interesse an Sicherheit.
Mensch-Tier-Vergleiche können deshalb helfen, moralische Maßstäbe konsequent anzuwenden, anstatt ähnliche Interessen allein aufgrund der Spezieszugehörigkeit unterschiedlich zu bewerten. Wer allein die Spezies als Rechtfertigung für eine ungerechte Behandlung heranzieht, ist bei der Diskriminierungsform Speziesismus angekommen.
Der entscheidende Unterschied: Ungleiche oder ungerechte Behandlung?
Gerechtigkeit bedeutet nicht, jeden gleich behandeln zu müssen. Ein Hund benötigt beispielsweise andere Lebensbedingungen als ein Mensch. Eine Kuh sollte keinen Führerschein machen dürfen - genauso wenig wie ein Baby.
Es geht vielmehr darum, Interessen und Bedürfnisse nach nachvollziehbaren Kriterien zu berücksichtigen. Ein Mensch hat möglicherweise ein Interesse an politischer Mitbestimmung, das ein Huhn nicht hat. Hühner sind keine Menschen - das erlaubt aber nicht, zu ignorieren, dass beide unter anderem ein Lebensinteresse teilen, das Berücksichtigung verdient.
Verdinglichen Nicht-Veganer Tiere?
Der Vorwurf der Vermenschlichung kann außerdem von einer anderen Wahrnehmungsverzerrung ablenken: der Verdinglichung von Tieren. Verdinglichung bedeutet, ein empfindungsfähiges Wesen als Ware oder Ressource zu betrachten, statt als Individuum mit eigenen Interessen. Beim Konsum tierischer Produkte werden Tiere häufig nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen eingeordnet: als Fleischlieferanten, Milchproduzenten, Brutstätten.
Das bedeutet nicht, dass jeder nicht-vegane Mensch Tiere bewusst für empfindungslose Gegenstände hält. Viele Menschen mögen Tiere und leben mit ihnen zusammen. Trotzdem betrachten sie gleichzeitig bestimmte Tierarten als “Nutztiere” und ordnen deren Interessen den eigenen unter, ohne dies kritisch zu hinterfragen. Deshalb lässt sich der Vorwurf auch umkehren: Nicht-vegane Menschen können Tiere verdinglichen.
Fazit: Vermenschlichung oder Anerkennung von Interessen?
Veganer vermenschlichen Tiere nicht automatisch, wenn sie auf deren Bedürfnisse und Interessen hinweisen. Eine Vermenschlichung liegt erst dann vor, wenn menschliche Eigenschaften ohne ausreichende Grundlage auf Tiere übertragen werden.
Mensch-Tier-Vergleiche sind ethisch sinnvoll, wenn sie relevante Gemeinsamkeiten sichtbar machen und helfen, moralische Maßstäbe konsequent anzuwenden. Dabei geht es nicht um eine identische Behandlung, sondern um die angemessene Berücksichtigung der jeweiligen Interessen.
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