Faktencheck · @derveganist
2 Weiderinder vs Vegan – der Faktencheck
Zwei Weiderinder im Jahr sollen ethischer sein als vegan zu leben. Wir haben nachgerechnet, mit allen Quellen.
Wische durch die dreizehn Bilder oder lies weiter unten alles in Ruhe nach.
2 Weiderinder im Jahr sind ethischer als vegan?
Die Kurzfassung in fünf Sätzen:
- Das Argument ist eine heutige Zuspitzung einer Rechnung aus dem Jahr 2003, die im Kern auf zwei kleinen Studien beruht. Die wichtigste davon beobachtete 33 Mäuse. Nur eine starb direkt durch den Mähdrescher.[1][2]
- Gerechnet wurde pro Feld, nicht pro Mensch. Pro Mensch dreht sich das Ergebnis um: Rindfleisch braucht für dieselbe Menge Eiweiß ein Vielfaches der Fläche.[3][4]
- Mehr als die Hälfte des deutschen Getreides wird an Tiere verfüttert. Ein großer Teil der Ackerflächen dient damit der Tierhaltung und nicht der direkten Ernährung von Menschen.[7]
- Weiderind für alle geht rechnerisch nicht: Alle deutschen Weiden zusammen geben pro Jahr nur etwa 2 bis 4 Millionen Rinder her. Verteilt auf 84 Millionen Menschen ist das ungefähr ein Rind pro Person alle 20 bis 40 Jahre.[18]
- Beim Ackerbau können Tiere unbeabsichtigt sterben. Ein solcher Todesfall ist ethisch etwas anderes als eine Produktion, bei der die Tötung des Tieres von Anfang an vorgesehen ist.[15]
Teste die Rechnung selbst
Wie viele Rinder und wie viel Fläche wären nötig, wenn dieses Ernährungssystem für alle Menschen gelten würde? Weiter unten kannst du jede Annahme selbst einstellen und siehst, welche Größenordnung dabei entsteht.
Was wir nicht behaupten
- Wir behaupten nicht, dass beim Pflanzenanbau keine Tiere sterben. Feldtode sind real und wir nehmen sie ernst.
- Wir behaupten nicht, dass jede Form von Pflanzenanbau tierfreundlich ist. Es gibt große Unterschiede und viel Verbesserungspotenzial.
- Wir behaupten nicht, dass jedes Rind mit Kraftfutter gefüttert wird.
- Wir prüfen ausschließlich die Behauptung, zwei Weiderinder pro Jahr seien grundsätzlich die tierethisch bessere Ernährung als eine vegane.
Es geht auf dieser Seite also nicht darum, Probleme des Ackerbaus zu leugnen. Es geht um einen fairen Vergleich zweier Ernährungssysteme anhand einer konkreten Frage: Ist eine Ernährung mit zwei Weiderindern pro Person tatsächlich ethischer als eine vegane?
Das Argument und seine Geschichte
Was genau behauptet das „2 Rinder“-Argument?
Das virale Argument, wie es heute in Reels und Kommentarspalten auftaucht, lautet: Wer im Jahr zwei Weiderinder isst, tötet weniger Tiere als jemand, der vegan lebt.
Wichtig zur Einordnung: Das ist eine heutige Zuspitzung. Der Ursprungstext von Steven Davis (2003) forderte nicht wörtlich, dass jeder Mensch zwei Rinder pro Jahr essen soll.[2] Davis argumentierte allgemeiner: Ein Ernährungssystem aus Pflanzen plus Fleisch von großen Weidetieren könne in Summe weniger Tiere töten als ein rein pflanzliches System, weil beim Ackerbau Wildtiere sterben.
Die „2 Weiderinder pro Jahr“ sind die zugespitzte Social-Media-Version dieses sogenannten Least-Harm-Arguments. Wir prüfen hier beide Ebenen: die virale Zuspitzung und die dahinterliegende Original-Rechnung.
Die Rechnung von Davis (2003) vollständig erklärt
Davis schätzte, wie viele Wildtiere pro Hektar Ackerland bei Bodenbearbeitung und Ernte sterben. Er kam auf etwa 15 Tiere pro Hektar und stützte sich dabei im Wesentlichen auf zwei Studien: eine zu Waldmäusen in englischen Getreidefeldern (1993)[1] und eine ältere zu Ratten in Zuckerrohrfeldern auf Hawaii (1971).[2]
Für Weideland gab es keine vergleichbare Messung. Davis setzte dafür einfach die Hälfte des Acker-Werts an, also 7,5 Tiere pro Hektar, per Annahme.[2]
Dann verglich er zwei Modelle für die Landwirtschaftsfläche der USA: ein rein pflanzliches System und ein gemischtes System aus Ackerbau und Weidetierhaltung. Sein Ergebnis: Das gemischte System töte weniger Tiere.
Wichtig und oft unterschlagen: Davis schrieb selbst ausdrücklich, dass genaue Vergleichszahlen fehlen und seine Werte grobe Schätzungen sind.[2]
Mathenys Gegenrechnung: der Kern der Widerlegung
Noch im selben Jahr antwortete Gaverick Matheny in derselben Fachzeitschrift.[3] Seine Kritik: Davis vergleicht gleich große Flächen miteinander, obwohl diese Flächen nicht gleich viele Menschen ernähren. Ein Hektar Ackerland liefert ein Vielfaches der Nahrung eines Hektars Weideland.
Wer wissen will, welche Ernährung weniger Tiere tötet, muss deshalb pro erzeugter Nahrungsmenge rechnen, nicht pro Fläche. Matheny rechnete Davis' eigene Zahlen entsprechend um, auf die Menge an Nahrung beziehungsweise Protein, die ein Mensch pro Jahr braucht. Ergebnis: Mit Davis' eigenen Annahmen schneidet die pflanzliche Ernährung besser ab, weil sie pro Person deutlich weniger Fläche beansprucht.[3]
Dieser Rechenfehler, pro Feld statt pro Mensch, ist bis heute der zentrale Schwachpunkt des Arguments. Die spätere Fachliteratur hat Mathenys Einwand bestätigt und weiter geschärft.[5][15]
Die 33-Mäuse-Studie genau erklärt
Die wichtigste empirische Grundlage der ganzen Debatte ist eine Studie von Tew und Macdonald aus dem Jahr 1993.[1] Was wurde dort tatsächlich gemacht?
Die Forscher statteten 33 Waldmäuse in englischen Getreidefeldern mit Sendern aus und verfolgten sie durch die Erntezeit. Direkt durch den Mähdrescher starb genau eine Maus. 16 weitere „verschwanden“ in den Tagen nach der Ernte.
Verschwunden heißt dabei zunächst nur: Das Signal war weg oder das Tier nicht mehr auffindbar. Die Forscher führen das vor allem auf Fressfeinde wie Eulen und Wiesel zurück, weil die Deckung nach der Ernte fehlte, außerdem wandern Mäuse nach der Ernte auch ab. Ein Teil dieser Tiere wäre zudem auch ohne Ernte gestorben, denn Feldmäuse haben natürlicherweise eine hohe Sterblichkeit und leben oft nur wenige Monate.
Aus dieser einen kleinen Studie lässt sich also keine belastbare Zahl wie „Millionen getötete Feldtiere“ hochrechnen. Genau das ist aber passiert: Davis machte daraus 15 Tiere pro Hektar,[2] Archer (2011) setzte später sogar 100 Mäuse pro Hektar an.[6]
Fischer und Lamey (2018), die gründlichste Übersichtsarbeit zu Feldtoden, korrigieren Archers Annahme auf ungefähr 1 Maus pro Hektar und schreiben selbst, dass man über das wahre Ausmaß sehr wenig weiß.[5]
Die häufigsten Fragen dazu
Was ist das Argument?
Zwei Rinder von der Weide geben zusammen rund 400 Kilo Fleisch, angeblich genug für eine Person und ein Jahr. Auf der Weide wird nicht gepflügt und geerntet, also sterben dort kaum Wildtiere. Auf dem Acker dagegen sterben durch Mähdrescher, Pflug und Pestizide angeblich sehr viele Wildtiere, für Brot, Tofu und Gemüse.
Daraus folgt angeblich: Zwei Weiderinder zu essen tötet weniger Tiere als vegan zu leben. Die Idee dahinter stammt vom US-Tierwissenschaftler Steven Davis (2003),[2] die Zuspitzung auf „2 Rinder pro Jahr“ ist neueren Datums und wird heute von Carnivore- und „Regenerativ“-Accounts verbreitet. Mehr dazu im Abschnitt Das Argument und seine Geschichte.
Woher kommen die Zahlen zu den toten Feldtieren?
Vor allem aus einer kleinen Studie: 33 Waldmäuse mit Sendern in englischen Getreidefeldern (1993), ergänzt um eine ältere Ratten-Studie aus Hawaii (1971). Eine Maus starb direkt durch den Mähdrescher, 16 verschwanden nach der Ernte, vermutlich überwiegend durch Fressfeinde, weil die Deckung fehlte.[1]
Davis machte daraus 15 tote Tiere pro Hektar,[2] Archer (2011) sogar 100.[6] Die gründlichste Übersichtsarbeit korrigiert das auf ungefähr 1 Maus pro Hektar und betont, wie wenig man über das wahre Ausmaß weiß.[5]
Für Weideland gab es überhaupt keine Messung. Davis setzte einfach den halben Acker-Wert an.[2] Die Details stehen im Abschnitt Die 33-Mäuse-Studie genau erklärt.
Wo liegt der Rechenfehler?
Davis hat tote Tiere pro Feld Acker mit toten Tieren pro Feld Weide verglichen. Aber ein Feld Acker ernährt viel mehr Menschen als ein Feld Weide. Genau darauf wies Matheny (2003) hin und rechnete auf die erzeugte Nahrungsmenge um: Mit Davis' eigenen Zahlen schneidet die pflanzliche Ernährung dann besser ab.[3]
Zur Größenordnung des Flächenunterschieds: Nach den globalen Durchschnittswerten von Poore und Nemecek (2018) braucht Rindfleisch aus Fleischrinderhaltung im Mittel etwa 164 m² Land pro 100 Gramm Protein, Erbsen etwa 3,4 m², Tofu etwa 2,2 m².[4] Im Karussell haben wir auf 164, 3 und 2 gerundet.
Wichtig zur Einordnung: Aus diesem Flächenfaktor folgt nicht automatisch eine genauso vielfach höhere Zahl getöteter Tiere. Der Landvergleich zeigt, warum der Vergleich pro Hektar in die Irre führt. Die Weide müsste pro Hektar um ein Vielfaches „sauberer“ sein als der Acker, um den Flächennachteil auszugleichen, und dafür gibt es keine Daten.
Für wen wird in Deutschland eigentlich geackert?
Im Wirtschaftsjahr 2024/25 ging gut die Hälfte der deutschen Getreideverwendung in Futtermittel, nur etwa ein Viertel wurde Brot, Nudeln oder Müsli.[7] Rund 40 % der deutschen Ackerflächen dienen der Futterproduktion.[8]
Dazu wächst über eine Million Hektar Silomais fast nur für den Futtertrog, vor allem für Rinder.[19]
Beim Soja ist die Lage ähnlich: 77 % der weltweiten Sojaernte gehen laut der Oxford-Auswertung in Tierfutter, rund 7 % gehen direkt in typische Sojaprodukte wie Tofu, Sojamilch, Tempeh und Edamame, der Rest wird vor allem Speiseöl.[9]
Ein großer Teil der Ackerflächen und der Getreideernte dient also der Tierhaltung und nicht der direkten Ernährung von Menschen. Wer Feldtode zählt, muss diese Flächen mitzählen.
Könnten sich alle Deutschen von Weiderind ernähren?
Nein, die Fläche reicht nicht. 84 Millionen Menschen mal 2 Rinder pro Jahr wären 168 Millionen Rinder jährlich. Heute werden in Deutschland rund 3 Millionen Rinder geschlachtet.[11]
So viele Weiderinder bräuchten überschlägig etwa 5 bis 10 Mal die Fläche Deutschlands, nur als Weideland.[18] Tatsächlich vorhanden ist nur ein Bruchteil davon: Alle deutschen Weiden zusammen (4,7 Millionen Hektar Grünland) geben pro Jahr nur etwa 2 bis 4 Millionen Weiderinder her.[18]
Verteilt auf 84 Millionen Menschen ist das ungefähr ein Rind pro Person alle 20 bis 40 Jahre. Und das auch nur, wenn die rund 3,7 Millionen Milchkühe verschwinden, die dieses Grünland heute mitnutzen.[18]
Selbst in den USA mit ihren riesigen Prärien tragen die vorhandenen Weiden nur gut ein Viertel der heutigen Rindfleischmenge.[10] Die komplette Rechnung mit allen Annahmen steht im Abschnitt So haben wir gerechnet.
Und was fressen Weiderinder im Winter?
Heu und Silage, also gemähtes Gras. Beim Mähen sterben je nach Technik 13 bis 70 % der Insekten auf der Fläche, mit Wenden und Schwaden bis über 80 %.[17]
Dazu kommen Bodenbrüter und Rehkitze (Schätzungen gehen bis zu 100.000 pro Jahr, eine belastbare Statistik fehlt).[20] Die Weide ist also kein Raum ohne Feldtode.
Was bedeutet „Weiderind“ in Deutschland wirklich?
Weidemast ist laut Thünen-Institut von untergeordneter Bedeutung.[12] Das Rindfleisch im Supermarkt stammt überwiegend von Jungbullen aus dem Stall und von Kühen, meist alten Milchkühen.[12] Nur rund 30 % aller Rinder haben überhaupt Zugang zu einer Weide.[11]
Auch Kälber aus Weidehaltung werden meist nach 6 bis 9 Monaten von ihrer Mutter getrennt und im Stall gemästet.[12] Geschlachtet wird häufig bereits mit 1,5 bis 2,5 Jahren, ein Rind könnte etwa 20 Jahre alt werden.[12]
Beim Bolzenschuss misslingt die Betäubung laut Bundesregierung bei 4 bis 9 % der Rinder.[13] Die Schlachtung direkt auf der Weide per Kugelschuss betraf 2015 nur rund 450 gemeldete Tiere, bei damals etwa 3,5 Millionen Rinderschlachtungen insgesamt.[14]
Ist ein Unfall auf dem Feld nicht genauso schlimm wie ein Schlachthof?
Beim Ackerbau sterben Wildtiere. Das ist die Wahrheit und das sollten auch Veganer nicht kleinreden. Ihr Tod ist aber nicht das Ziel des Anbaus. Deshalb kann versucht werden, diese Todesfälle weiter zu reduzieren, etwa durch Direktsaat, schonende Mähtechnik und Präzisionsernte. Genau das fordern die Forscher, die zu Feldtoden arbeiten.[5]
Beim Weiderind ist die Tötung dagegen kein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Das Tier wird gezüchtet und gehalten, damit es am Ende getötet und als Lebensmittel genutzt wird.[15]
Ein unbeabsichtigter Todesfall ist ethisch etwas anderes als eine Produktion, bei der die Tötung des Tieres von Anfang an vorgesehen ist.
Dazu kommt ein Punkt, der in dieser Debatte oft untergeht: Veganismus ist keine reine Rechenaufgabe, wer weniger Tiere tötet. Er ist der Versuch, die Ausbeutung und den Missbrauch von Tieren zu vermeiden, so weit das praktisch möglich ist. Ein Tier zu züchten, zu nutzen und zu töten ist aus dieser Sicht eine andere Kategorie als ein unbeabsichtigter Todesfall auf dem Feld, unabhängig davon, wie die Zahlen im Einzelnen ausfallen.
Ist veganer Ackerbau wirklich ohne Tierleid?
Nein. Auch beim Pflanzenanbau können Tiere verletzt oder getötet werden, bei der Bodenbearbeitung, bei der Ernte und beim Pflanzenschutz.[5]
Die Frage ist deshalb nicht, ob eine Ernährungsweise völlig ohne Eingriffe auskommt. Keine kommt ohne aus. Entscheidend ist, welche Auswirkungen verschiedene Ernährungssysteme insgesamt haben und welche Schäden sich vermeiden lassen.
Ist Weiderind wenigstens gut fürs Klima?
Nach aktueller Studienlage nicht. Eine Übersichtsstudie der Universität Oxford („Grazed and Confused?“) kommt zu dem Ergebnis, dass die Kohlenstoffspeicherung im Weideboden selbst unter sehr großzügigen Annahmen nur 20 bis 60 % der Emissionen des Weidesektors ausgleicht, zeitlich begrenzt und umkehrbar.[16]
Eine Vollumstellung auf Weidefleisch würde in den USA sogar rund 30 % mehr Rinder und rund 43 % mehr Methan bedeuten.[10]
Was ist das Fazit?
Das Argument klingt zunächst plausibel. Betrachtet man jedoch die Datenlage, den Flächenverbrauch und die ethische Unterscheidung zwischen unbeabsichtigten Todesfällen und gezielter Tötung, hält die Behauptung einer genaueren Prüfung nicht stand.
Die Zahlen zu den Feldtieren sind deutlich unsicherer, als das Argument nahelegt. Tierhaltung braucht selbst große Flächen und verursacht dadurch zusätzliche Feldtode. Und zwei Weiderinder pro Person und Jahr scheitern bereits an der verfügbaren Fläche.
Die Feldtode sprechen vor allem dafür, Anbaumethoden zu verbessern, und nicht dafür, zusätzlich Tiere gezielt zu töten.
Interaktive Berechnung: Könnte Weiderind eine Ernährung für alle Menschen sein?
Diese Berechnung ist ein Gedankenexperiment. Sie sagt keine exakte Zukunft voraus, sondern zeigt, welche Größenordnung entsteht, wenn man die Annahmen des Arguments auf eine ganze Bevölkerung überträgt. Du kannst jede Annahme selbst verstellen. Voreingestellt sind die Werte aus unserer Herleitung.[18]
Schritt 1: Wie viele Menschen?
Voreingestellt: Deutschland mit 84 Millionen Menschen.
Schritt 2: Wie viele Rinder pro Person?
Die Behauptung lautet: Ein Mensch könne sich ungefähr ein Jahr lang von zwei Weiderindern ernähren.
–
Schritt 3: Wie viel Weide braucht ein Rind?
Die drei Werte kommen aus unserer Herleitung:[18] 18 bis 24 Monate Mast plus Mutterkuh-Anteil, geteilt durch 1 bis 2,5 Rinder je Hektar.
Benötigt würden ungefähr – Weideland. Das ist rund – die Fläche Deutschlands (35,7 Mio. Hektar).
Über alle drei Annahmen hinweg liegt das Ergebnis für 84 Millionen Menschen und 2 Rinder zwischen dem 4- und 12-Fachen der Fläche Deutschlands.
Die tatsächlich vorhandenen deutschen Weiden (4,7 Mio. Hektar Grünland[8]) geben mit der gewählten Annahme ungefähr – Rinder pro Jahr her. Verteilt wäre das –.
Was diese Berechnung berücksichtigt:
- ✅ Anzahl der Menschen
- ✅ Rinder pro Person und Jahr
- ✅ Weidefläche je Rind, inklusive Mastdauer und Mutterkuh-Anteil
- ✅ das tatsächlich vorhandene deutsche Grünland
Was sie bewusst nicht berücksichtigt:
- ⚠️ Winterfutter (Heu und Silage kosten zusätzlich Fläche und Mahd)
- ⚠️ die Milchkühe, die das Grünland heute mitnutzen
- ⚠️ Steillagen, Naturschutzflächen und regionale Unterschiede
- ⚠️ Verluste durch Krankheit und Kälbersterblichkeit
- ⚠️ Stallmast; die Rechnung unterstellt reine Weidehaltung
Jeder dieser Punkte würde das Ergebnis für das Weiderind verschlechtern, nicht verbessern. Zum Vergleich: Heute werden in Deutschland rund 3 Millionen Rinder pro Jahr geschlachtet.[11]
Warum diese Rechnung kein realistisches Ernährungssystem beschreibt
Ein naheliegender Einwand lautet: „Niemand will doch, dass alle Menschen zwei Rinder essen." Das stimmt, und genau deshalb ist diese Berechnung ein Gedankenexperiment. Sie prüft nicht, ob Menschen heute tatsächlich so leben. Sie prüft, ob dieses Ernährungssystem als allgemeine Alternative für eine Bevölkerung funktionieren könnte.
In den sozialen Medien wird das Modell als die Ernährung vorgestellt, die insgesamt weniger Tiere tötet. Ein Modell mit diesem Anspruch muss sich daran messen lassen, ob es verallgemeinerbar wäre. Die Berechnung zeigt, dass dafür bereits die verfügbare Fläche nicht ausreicht.
So haben wir gerechnet[18]
Auf den Slides steht: „Alle deutschen Weiden geben pro Jahr nur etwa 2 bis 4 Millionen Rinder her, also ungefähr ein Rind pro Person alle 20 bis 40 Jahre.“ Hier ist die komplette Rechnung mit allen Annahmen, damit jeder sie nachprüfen kann.
-
Schritt 1: Der Bedarf.
84 Millionen Menschen × 2 Rinder pro Jahr = 168 Millionen Schlachtrinder jährlich. Zum Vergleich: Heute werden in Deutschland rund 3 Millionen Rinder pro Jahr geschlachtet.[11] -
Schritt 2: Was ein Schlachtrind an Weide „verbraucht“.
Ein Weiderind wird 18 bis 24 Monate gemästet und braucht dazu anteilig eine Mutterkuh, die es zur Welt bringt. Zusammen sind das etwa 2,0 bis 2,6 sogenannte Großvieheinheiten-Jahre pro Schlachtrind. Eine Großvieheinheit entspricht ungefähr einem ausgewachsenen Rind, das ein Jahr lang Fläche belegt. -
Schritt 3: Wie viele Rinder auf einen Hektar passen.
Auf extensiver Weide etwa 1 Großvieheinheit pro Hektar, auf intensivem, gedüngtem und mehrfach gemähtem Grünland bis etwa 2,5. -
Schritt 4: Der Flächenbedarf für alle.
168 Millionen Rinder × 2,0 bis 2,6 Großvieheinheiten-Jahre ergeben je nach Besatzdichte einen Bedarf von grob 134 bis über 400 Millionen Hektar Weideland. Deutschland hat insgesamt 35,7 Millionen Hektar. Das entspricht je nach Annahmen etwa dem 4- bis 12-Fachen der Fläche Deutschlands. Auf den Slides ist das überschlägig als „etwa 5 bis 10 Mal die Fläche Deutschlands“ angegeben. -
Schritt 5: Was die vorhandenen Weiden hergeben.
Deutschland hat rund 4,7 Millionen Hektar Dauergrünland.[8] 4,7 Millionen Hektar × 1 bis 2 Großvieheinheiten pro Hektar, geteilt durch die rund 2,3 Großvieheinheiten-Jahre pro Schlachtrind, ergibt etwa 2 bis 4 Millionen Weiderinder pro Jahr. Wir setzen hier höchstens 2 Großvieheinheiten pro Hektar an, weil das intensivste Grünland vor allem gemäht und nicht dauerhaft beweidet wird. Verteilt auf 84 Millionen Menschen sind das 0,024 bis 0,05 Rinder pro Person und Jahr, also ungefähr ein Rind pro Person alle 20 bis 40 Jahre. Und das nur, wenn die rund 3,7 Millionen Milchkühe wegfallen, die dieses Grünland heute mitnutzen.
Welche Annahmen haben wir besonders günstig für das Weiderind gewählt?
Diese Rechnung ist bewusst großzügig zugunsten des Weiderinds:
- Wir rechnen in der oberen Variante mit 2,5 Großvieheinheiten pro Hektar. Das ist intensiv genutztes, gedüngtes Grünland. Intensivere Nutzung heißt aber auch mehr Mahd und damit mehr Feldtode auf dem Grünland selbst.
- Wir tun so, als wäre das gesamte deutsche Dauergrünland als Weide nutzbar. Real fallen Steillagen, Naturschutzflächen und Flächen weg, die für Winterfutter gemäht werden müssen.
- Wir rechnen die Winterfütterung (Heu und Silage) nicht als zusätzlichen Flächenbedarf, obwohl sie Fläche und Mahd kostet.
- Wir ignorieren, dass 2 Rinder pro Person rund 400 Kilo Fleisch im Jahr wären, also mehr als ein Kilo pro Tag. Das isst kaum jemand dauerhaft. Der tatsächliche Rindfleischverzehr liegt bei rund 9,3 Kilo pro Person und Jahr.[21] Wer trotzdem „2 Rinder“ isst, isst daneben weiter Brot, Gemüse und andere Ackerprodukte. Die Feldtode aus dem Ackerbau kommen also noch obendrauf.
- Wir verlangen nicht, dass zusätzlich Milch produziert wird. Sobald Milchkühe auf dem Grünland bleiben sollen, wird das Ergebnis für das Weiderind noch schlechter.
Wer mit anderen Besatzdichten oder Mastdauern rechnet, kommt auf etwas andere Zahlen. An der Größenordnung ändert das nichts: Es fehlt um ein Vielfaches an Fläche. Und jede Annahme, die wir strenger wählen, macht das Ergebnis für das Weiderind schlechter, nicht besser.
Quellen
- 1Tew TE, Macdonald DW (1993). The effects of harvest on arable wood mice. Biological Conservation 65:279–283. doi.org/10.1016/0006-3207(93)90060-E
- 2Davis SL (2003). The Least Harm Principle May Require that Humans Consume a Diet Containing Large Herbivores, Not a Vegan Diet. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 16:387–394. doi.org/10.1023/A:1025638030686
- 3Matheny G (2003). Least Harm: A Defense of Vegetarianism from Steven Davis's Omnivorous Proposal. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 16:505–511. doi.org/10.1023/A:1026354906892
- 4Poore J, Nemecek T (2018). Reducing food's environmental impacts through producers and consumers. Science 360:987–992. doi.org/10.1126/science.aaq0216 · Daten: Our World in Data
- 5Fischer B, Lamey A (2018). Field Deaths in Plant Agriculture. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 31:409–428. doi.org/10.1007/s10806-018-9733-8
- 6Archer M (2011). Ordering the vegetarian meal? There's more animal blood on your hands. The Conversation (mit Editor's Note 2018). theconversation.com
- 7BMEL, Versorgungsbilanz Getreide, Wirtschaftsjahr 2024/25. bmel-statistik.de
- 8Umweltbundesamt, Fragen & Antworten zu Tierhaltung und Ernährung. umweltbundesamt.de
- 9Fraanje W, Garnett T (2020). Soy: food, feed, and land use change. TABLE, University of Oxford. · ourworldindata.org/soy
- 10Hayek MN, Garrett RD (2018). Nationwide shift to grass-fed beef requires larger cattle population. Environmental Research Letters 13:084005. doi.org/10.1088/1748-9326/aad401
- 11Statistisches Bundesamt (Destatis), Landwirtschaftszählung 2020 (Weidegang 2019) und Schlachtstatistik. destatis.de
- 12Thünen-Institut (2025). Steckbrief Mastrinder — Haltungsverfahren in Deutschland.
- 13Deutscher Bundestag (2012). Drucksache 17/10021 — Antwort der Bundesregierung zu Betäubung und Schlachtung. dserver.bundestag.de
- 14Steigmiller K, Hörning B, Retz S (2017). Kugelschuss auf der Weide — Erhebung bei den Veterinärämtern. HNE Eberswalde, 14. Wissenschaftstagung Ökolandbau. orgprints.org
- 15Lamey A (2007). Food Fight! Davis versus Regan on the Ethics of Eating Beef. Journal of Social Philosophy 38:331–348. · Lamey A (2019). Duty and the Beast. Cambridge University Press.
- 16Garnett T et al. (2017). Grazed and Confused? Food Climate Research Network, University of Oxford. tabledebates.org
- 17Humbert JY et al. (2009). Meadow harvesting techniques and their impacts on field fauna. Agriculture, Ecosystems & Environment 130:1–8. · Humbert JY et al. (2010). Journal of Applied Entomology 134:592–599.
- 18Eigene Flächenrechnung. Annahmen: 1 bis 2,5 Großvieheinheiten pro Hektar, 18 bis 24 Monate Mast plus Mutterkuh-Anteil, 4,7 Mio. Hektar Grünland. Vollständige Herleitung im Abschnitt So haben wir gerechnet.
Zusatzquellen (nur auf dieser Seite verwendet):
- 19Deutsches Maiskomitee (2024). Maisanbauflächen Deutschland (Silomais als Futter ca. 1,1 Mio. Hektar).
- 20Deutsche Wildtier Stiftung, Kampagne „Stoppt den Mähtod“ (Schätzung Rehkitze).
- 21BLE (2024). Pro-Kopf-Verzehr von Rindfleisch in Deutschland.
Wissen statt Mythen.
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Zuletzt aktualisiert: 24.08.2026
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