Faktencheck · @derveganist
2 Weiderinder im Jahr sind ethischer als vegan?
Das Argument hört man gerade überall. Wir haben nachgerechnet – mit Quellen.
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2 Weiderinder im Jahr sind ethischer als vegan?
Die Kurzfassung in fünf Sätzen:
- Das Argument stammt aus dem Jahr 2003 und beruht auf nur zwei Studien. In der wichtigsten starb 1 von 33 Mäusen durch den Mähdrescher.[1][2]
- Gerechnet wurde pro Feld, nicht pro Mensch. Pro Mensch dreht sich das Ergebnis um: Rindfleisch braucht rund 50-mal mehr Land für dieselbe Menge Eiweiß.[7]
- Mehr als die Hälfte des deutschen Getreides landet im Futtertrog. Die meisten Feldtiere sterben für Tierfutter, nicht für Tofu.[12]
- Würden sich alle Deutschen so ernähren, bräuchten wir 5- bis 10-mal die Fläche von Deutschland — nur für Weiden.[8][14]
- Ein Unfall ist etwas anderes als eine geplante Tötung. Unfälle lassen sich verringern. Ein Schlachtplan nicht.[4]
Die häufigsten Fragen dazu
Wie geht das Argument überhaupt?
Ein Rind von der Weide gibt rund 200 Kilo Fleisch — angeblich genug für eine Person und ein Jahr. Auf der Weide wird nicht gepflügt und geerntet, also sterben dort kaum Wildtiere. Auf dem Acker dagegen sterben durch Mähdrescher, Pflug und Pestizide angeblich „Millionen Wildtiere" — für Brot, Tofu und Gemüse.
Daraus folgt angeblich: Zwei Weiderinder zu essen tötet weniger Tiere als vegan zu leben. Das Argument stammt vom US-Tierwissenschaftler Steven Davis (2003)[2] und wird heute von Carnivore- und „Regenerativ"-Accounts verbreitet.
Woher kommen die „Millionen toten Feldtiere"?
Davis stützte seine Schätzung von 15 Tieren pro Hektar auf nur zwei Studien: Waldmäuse in England (1993)[5] und Ratten in Zuckerrohr auf Hawaii (1971).
In der Mäuse-Studie wurden 33 Tiere mit Sendern beobachtet. Nur eines starb direkt durch den Mähdrescher. 16 verschwanden nach der Ernte — vermutlich von Eulen und Wieseln gefressen, weil ihr Versteck weg war.[1]
Ein anderer Autor (Archer, 2011) nahm 100 tote Mäuse pro Hektar an; diese Annahme wurde später stark kritisiert, neuere Bewertungen landen bei ungefähr 1.[1][6]
Die Forscher, die sich am gründlichsten mit Feldtieren beschäftigen, schreiben selbst: „Wir wissen sehr wenig über das Ausmaß des Problems."[1] Für Weideland gab es überhaupt keine Daten — Davis setzte einfach den halben Wert vom Acker an.[2]
Wo liegt der Rechenfehler?
Davis hat „tote Tiere pro Feld Acker" mit „tote Tiere pro Feld Weide" verglichen. Aber ein Feld Acker ernährt viel mehr Menschen als ein Feld Weide.
Für 100 Gramm Eiweiß braucht Rindfleisch rund 164 m² Land, Tofu etwa 2 m², Erbsen etwa 3 m².[7] Rindfleisch braucht also rund 50-mal mehr Land.
Rechnet man pro Mensch statt pro Feld, dreht sich das Ergebnis um: Pflanzliche Ernährung verursacht nach heutigen Berechnungen deutlich weniger tote Feldtiere.[3] Die Weide müsste 50-mal „sauberer" sein als der Acker, um gleichzuziehen — und dafür gibt es keine Daten.
Für wen wird in Deutschland eigentlich geackert?
Mehr als die Hälfte des deutschen Getreides landet im Futtertrog, nur etwa ein Viertel wird Brot, Nudeln oder Müsli.[12] Fast 40 % der deutschen Äcker dienen der Futterproduktion.[13]
Über eine Million Hektar Mais wächst nur für Rinder — gepflügt, gespritzt, gehäckselt.[16] Von der weltweiten Sojaernte gehen 77 % an Tiere, nur 7 % werden Tofu, Sojamilch oder Tempeh.[11]
Die meisten Wildtiere auf dem Acker sterben also nicht für Veganer, sondern für Tierfutter.
Könnten sich alle Deutschen von Weiderind ernähren?
Nein. Würden sich alle 84 Millionen Menschen in Deutschland so ernähren, wären das 168 Millionen Rinder im Jahr — heute werden rund 3 Millionen geschlachtet.[14]
Überschlägig gerechnet (18–24 Monate Mast plus Mutterkuh, 1–2,5 Tiere pro Hektar) bräuchte das 5- bis 10-mal die Fläche von ganz Deutschland, nur für Weiden. Alle Weiden Deutschlands zusammen (4,7 Mio. Hektar) reichen für etwa ein Rind pro Person — alle 20 bis 40 Jahre, und nur ohne Milchkühe.
Selbst in den USA mit ihren riesigen Prärien reichen die vorhandenen Weiden nur für rund ein Viertel des heutigen Rindfleischs.[8]
Und was fressen Weiderinder im Winter?
Heu und Silage — also gemähtes Gras. Beim Mähen sterben je nach Technik 13 bis 70 % der Insekten auf der Fläche, mit Wenden und Schwaden bis über 80 %.[9]
Dazu kommen Bodenbrüter und Rehkitze (Schätzungen bis zu 100.000 pro Jahr, belastbare Statistik fehlt).[17] Die Weide ist also kein „feldtodfreier" Raum.
Was bedeutet „Weiderind" in Deutschland wirklich?
Weidemast ist laut Thünen-Institut „von untergeordneter Bedeutung".[15] Das Rindfleisch im Supermarkt stammt zu 45 % von Jungbullen aus dem Stall und zu 32 % von Kühen, überwiegend alten Milchkühen; Ochsen machen rund 1 % aus.[15]
Nur rund 30 % aller Rinder haben überhaupt Zugang zu einer Weide.[14] Kälber von Weidekühen werden mit 6 bis 9 Monaten von der Mutter getrennt und meist im Stall gemästet.[15]
Geschlachtet wird mit 1,5 bis 2,5 Jahren — ein Rind könnte 20 werden. Beim Bolzenschuss klappt die Betäubung laut Bundesregierung bei 4 bis über 9 % der Rinder nicht richtig.[10] Die Weideschlachtung per Kugelschuss betraf 2015 rund 450 gemeldete Tiere von etwa 3,5 Millionen.[17]
Ist ein Unfall auf dem Feld nicht genauso schlimm wie ein Schlachthof?
Ja, auf dem Acker sterben Wildtiere — das sollten auch Veganer ernst nehmen. Aber das ist ein Unfall: ein vorhergesehener, nicht beabsichtigter Nebeneffekt.
Unfälle lassen sich verringern — durch Direktsaat, schonende Mähtechnik, Präzisionsernte. Genau das fordern die Forscher: weniger tote Feldtiere, nicht mehr Rinder.[1]
Ein Unfall ist etwas anderes als eine absichtlich geplante Tötung — die Maus war nie der Plan, das Rind ist der Plan.[4] Kein Anbauverfahren macht den Tod des Rinds kleiner.
Ist Weiderind wenigstens gut fürs Klima?
Nein. Eine Übersichtsstudie der Universität Oxford („Grazed and Confused?") kommt zu dem Ergebnis, dass die Kohlenstoffspeicherung im Weideboden selbst unter sehr großzügigen Annahmen nur 20 bis 60 % der Emissionen des reinen Weidesektors ausgleicht — zeitlich begrenzt und umkehrbar.[10a]
Weiderind ist kein Klima-Retter.
Was ist das Fazit?
Die „Millionen Feldtiere" beruhen auf zwei alten Studien und einer Mähdrescher-Maus — und wurden unvollständig gerechnet. Die meisten Feldtiere sterben für Tierfutter, nicht für Tofu.
„Zwei Weiderinder für alle" passt nicht einmal auf die 5-fache Fläche Deutschlands.
Das Feldtier-Argument ist ein Argument für besseren Ackerbau — nicht für Fleisch.
Quellen
- 1Fischer B, Lamey A (2018). Field Deaths in Plant Agriculture. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 31:409–428. doi.org/10.1007/s10806-018-9733-8
- 2Davis SL (2003). The Least Harm Principle May Require that Humans Consume a Diet Containing Large Herbivores, Not a Vegan Diet. J Agric Environ Ethics 16:387–394. doi.org/10.1023/A:1025638030686
- 3Matheny G (2003). Least Harm: A Defense of Vegetarianism from Steven Davis's Omnivorous Proposal. J Agric Environ Ethics 16:505–511. doi.org/10.1023/A:1026354906892
- 4Lamey A (2007). Food Fight! Davis versus Regan on the Ethics of Eating Beef. Journal of Social Philosophy 38:331–348. · Lamey A (2019). Duty and the Beast. Cambridge University Press.
- 5Tew TE, Macdonald DW (1993). The effects of harvest on arable wood mice. Biological Conservation 65:279–283.
- 6Archer M (2011). Ordering the vegetarian meal? There's more animal blood on your hands. The Conversation (mit Editor's Note 2018). theconversation.com
- 7Poore J, Nemecek T (2018). Reducing food's environmental impacts through producers and consumers. Science 360:987–992. doi.org/10.1126/science.aaq0216 · Daten: Our World in Data
- 8Hayek MN, Garrett RD (2018). Nationwide shift to grass-fed beef requires larger cattle population. Environmental Research Letters 13:084005. doi.org/10.1088/1748-9326/aad401
- 9Humbert JY et al. (2009). Meadow harvesting techniques and their impacts on field fauna. Agriculture, Ecosystems & Environment 130:1–8. · Humbert JY et al. (2010). Journal of Applied Entomology 134:592–599.
- 10Deutscher Bundestag (2012). Drucksache 17/10021 — Antwort der Bundesregierung zu Betäubung und Schlachtung. dserver.bundestag.de
- 10aGarnett T et al. (2017). Grazed and Confused? Food Climate Research Network, University of Oxford. tabledebates.org
- 11Fraanje W, Garnett T (2020). Soy: food, feed, and land use change. TABLE, University of Oxford. · ourworldindata.org/soy
- 12BMEL, Versorgungsbilanz Getreide 2024/25. bmel-statistik.de
- 13Umweltbundesamt, Fragen & Antworten zu Tierhaltung und Ernährung. umweltbundesamt.de
- 14Statistisches Bundesamt, Landwirtschaftszählung 2020 (Weidegang 2019) und Schlachtstatistik 2024. destatis.de
- 15Thünen-Institut (2025). Steckbrief Mastrinder — Haltungsverfahren in Deutschland.
- 16Deutsches Maiskomitee (2024). Maisanbauflächen Deutschland.
- 17Steigmiller K, Hörning B, Retz S (2017). Kugelschuss auf der Weide — Erhebung bei den Veterinärämtern. HNE Eberswalde, 14. Wissenschaftstagung Ökolandbau. orgprints.org · Deutsche Wildtier Stiftung, „Stoppt den Mähtod".
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